Montag, 8. Juni 2009

Im Himmel

Die Strasse vom Flughafen nach Dharamshala fuert immer bergauf. Ich teile das Taxi mit Izzy, einem Israeli, der hier seit 5 Jahren wohnt. "Der Dalai Lama hat sich einen wunderschoenen PLatz zum Leben ausgesucht", sagt er. Der Ort oberhalb Dharamshalas heisst McLeodGanj, es leben praktisch nur Tibeter hier. Die Inder haben ihnen dieses Land ueberlassen, weil 1921 alles bei einem Erdbeben zerstoert wurde und die Tibeter 1949, von den Chinesen aus dem eigenen Land vertrieben, einen Ort zum Leben suchten. Die Strasse ist einspurig, trotzdem gibt es Verkehr in beiden Richtungen. Wenn uns auf der Strasse ein Auto entgegenkommt, muss entweder unser oder das andere Fahrzeug zurueckschieben, bis die Strasse breit genug ist, um ein zentimeterweises Vorbeikommen zu ermoeglichen. Ich schaue lieber nicht, wie tief und steil es hinuntergeht. Das hab ich mir schon in Nepal abgewoehnt.

Im Hotel angekommen treffe ich meine Freunde Gusti und Elisabeth aus Oesterreich. Elisabeth hat ein tibetisches Patenkind, das hier in die Schule geht und das sie fuer drei Wochen besucht. Gusti sagt: "Richard Gere hat dem Dalai Lama schon vor Jahren einen neue Strasse versprochen, ich weiss nicht, warum die noch nicht gebaut wurde. Er ist ja viel unterwegs und muss dann immer in dieses haessliche gelbe Gebauede zurueck da gleich vis a vis, das ist der Tempel." Die Moenche singen gerade ihre Mantras, es ist eine heilige Zeit, denn in diesem Monat sind Buddhas GEburtstag, seine Erlaeuchtung und sein Sterbetag. Vom Fenster des Hotels aus sieht man nur Himmel, vom Balkon hinunter in ein breites, langes Tal, das sich im Dunst verliert. Auf der anderen Seite schneebedeckte Berggipfel und auf den Bergruecken kleben die Haeuser.

Auf einem der Bergruecken fast ganz oben wohnt der Tiroler Jakob mit seiner Familie in einem Haus, in dem die Englaender, als sie noch Indien regierten, ihre Sommerfrische verbracht haben. Am Sonntag besuchen wir ihn, das Patenmaechen mit ihren zwei Schwestern und drei Burschen, die im TCV, dem Tibetan Childrens Village oder SOS-Kinderdorf wohnen, sind mit dabei. Dann taucht noch die Schwester von einem der Burschen auf. Danach die Halb-Schwester - die tibetischen Frauen haben bis zu drei Maenner - von einem der Maedchen mit kleinem Kind, dann eine Oma und dazwischen noch ein paar ganz liebe Tibeter. Ein Patenkind kommt selten allein, hier gibts noch die Grossfamilie.

Am naechsten TAg fahren Gusti und ich nach Amritsar, um uns den Goldenen Tempel der Shiks anzuschauen. Vorher noch an die indisch-pakistanische Grenze eine Stunde weiter, wo taeglich um sechs zu einer Wachabloese, wo die Fahnen eingeholt werden, hunderte Schaulustige erscheinen. Als Weisse werden wir wie VIPs behandelt und bekommen einen guten Sitzplatz. Von hier sieht man die pakistanische Seite, wo Frauen und Maenner auf getrennten TRibuenen sitzen, aber hoechstens einhundert insgesamt gegenueber tausend Indern. Einpeitscher machen Stimmung auf beiden Seiten, bruellen Parolen, die Masse schreit zurueck. Manche laufen mit der Fahne in der Hand die 50 Meter bis zur Grenze, das Gittertor ist noch zu. Soldaten maschieren im Stechschritt hin- und her und werfen ein Bein soweit in die Hoehe, als wuerden sie einen Spagat machen. Das Tor geht auf, die Soldaten stehen sich grimmig gegenueber, ziehen die jeweilige Fahne ein, maschieren ab und die Meute johlt.

Gusti und Elisabeth reisen nach einer gemeinsamen Woche ab und ich lerne Martin kennen, einen franzoesischen Kanadier, 37, Schauspieler und Taenzer. Wir machen eine Bergwanderung und treffen zuerst Francoise, eine Franzoesin, 33 und dann Jennifer, eine Kanadierin, 44. Jennifer ist die einzige Frau ausser mir, die ich kenne, die keinen Schmuck traegt. Und sie weiss, dass der Dalai Lama am kommenden Vormittag im TEmpel sein wird und wir gehen hin. Als wir kommen, ist der Tempelvorhof voll, er sitzt auf einem Podest vor der Buddhastatue und beim Vorbeigehen werden wir gesegnet. Wir finden einen PLatz in der aeusseren Halle, von wo wir ihn sehen koennen. Alles ist ruhig, man hoert nur das Geraeusch der Gebetsmuehlen, die Menschen murmeln dazu. Dann faengt der Dalai Lama laut in einem Singsang zu beten an, seine Stimme klingt tief, voll und leicht. Die Menschen antworten, es ist ein Vor-und Nachbeten und nach einer viertel Stunde vorbei. Er steht auf und geht den Gang entlang zu den Stufen, die hinunter zum Platz fuehren, wo ein Auto auf ihn wartet. Er segnet die vor ihm Knieenden und kommt so nahe an mir vorbei, dass ich ihn genau sehen kann.

Mit dem Segen des Dalai Lama gehen wir tanzen. Die Tanzhalle ist an der Laengsseite offen, vor uns liegt das Tal und links und rechts die Berghaenge. Izzy, meine Taxibegleitung ist der DJ und laesst Louis Armstrong singen: Heaven, I am in heaven - ich bin im Himmmel - und genau so fuehle ich mich. Danach gehts zur Massage beim tibetischen Masseur, der mir auch Akupunktur macht und Jenny zum Arzt schickt wegen ihres kranken Magens. Sie will, dass ich mitkomme und der tibetische Arzt verschreibt tibetische Medizin: aus Krautern gepresste Kugerln, fuer sie zum Gesundwerden und fuer mich fuer mehr Energie, bessere Vedauung und so, 5 Stueck taeglich zwei Monate lang und eine eigene Pillenmuehle, in der die Kugerln zu bitterem Staub zermahlen werden.

Martin will den Kamapa besuchen. Der Kamapa ist derjenige, der den naechsten Dalai Lama finden wird. Die Chinesen wollten ihn angeblich schon dreimal umbringen. Er ist ein junger Moench, vielleicht 25 und etwa 100 Leute sind zur Audienz zugelassen. Ich bin die erste, die hineingewunken wird. Ich weiss - wahrscheinlich als einzigen - nicht, was ich tun soll. Ich verbeuge mich, bekomme ein gesegnetes rotes Band ueberreicht und bin schon wieder draussen. Alle anderen haben weisse Gebetsschals mit, die sie segnen lassen, auch Martin, er hat mir aber nichts davon gesagt.

Wir schauen uns noch Norbulinka an, den Sommerpalast und die Kunstschule der Tibeter, wo die Mandala- und Tanakamaler ausgebildet werden. Wieder zurueck im Guesthouse hoere ich Moenchsgesang aus einem der Zimmer, Leute gehen ein und aus. Als ich einmal vorbeigehe, ist die Tuer offen und ich sehe jemanden im Bett liegen und weiss, das sind die letzten Stunden. Das laute Beten geht bis Mitternacht, dann schlafe ich ein und als ich wieder aufwache, beten und singen sie schon wieder oder noch immer. An der Rezeption frage ich nach und erfahre, dass eine alte Frau gestorben ist und denke mir, was fuer eine schoene Art, mit Gebet und Gesang in den Himmel zu kommen.


Freitag, 29. Mai 2009

Om Mane Padme Hum


toent das Mantra als Willkommensgruss aus allen CD-Laeden Kathmandus, als ich dort ankomme. Auf dem Weg zum Guesthouse treffe ich ein paar alte Bekannte, die mich begruessen: zuerst Helen, die Jazzsaengerin, die jetzt hier im Jazzclub singt und mich zu ihrem heutigen Abend einlaedt, Justin, der die letzten Shots fuer sein Musikvideo dreht und am Abend auch kommen wird, Vanessa, die von ihrer Everest-Basecamptour zurueck ist und Hassana und ihr Freund, die in der Zwischenzeit in Tibet waren und meinen, da muesste ich auch hinfahren.

Ich gehe vom Hauptplatz mit den mittelalterlichen Gebaueden am Palast der Kumari, der lebenden Goettin von Kathmandu, vorbei. Ein Maedchen ab vier muss ueber hundert Merkmale erfuellen, die sie zu einer Goettin auf Zeit machen. Sobald sie die erste Regel hat oder sonst wie blutet, wird eine neue gesucht und aus der Goettin wird eine normale Frau, so wie im wirklichen Leben aus jeder Prinzessin einmal eine gewoehnliche Sterbliche wird. Ihre Aufgabe war es, jedes Jahr dem Koenig ihren Segen zu geben. Dem vorletzten Koenig hat die Kumari den Segen verweigert. Im darauf folgenden Jahr hat der Koenigssohn und Thronfolger fast die gesamte Familie erschossen, was zwar alle getroffen, aber niemanden wirklich verwundert hat. Viele Buecher wurden darueber geschrieben, was denn der Grund fuer die Wahnsinnstat gewesen sei: er durfte die Frau, die er liebte, nicht heiraten, er hatte zuviel Drogen und Alkohol konsumiert, die Sadhus aus Indien waren gekommen und hatten ein Komplott geschmiedet oder die CIA. Fuer die Nepalesen war klar: Ohne den Segen der Kumari kein Koenig. Nach dem Tod des alten, sehr beliebten Koenigs wurde ein Neffe als Thronfolger eingesetzt, aber kurz darauf uebernehmen die Marxisten das Ruder. Welche Aufgabe die Kumari jetzt hat, weiss ich nicht. Die Marxisten feiern jedenfalls den Untergang des kapitalistischen Systems unter dem Motto: wir haben es schon immer gewusst (gemeinsam mit Kuba und Nordkorea).

Der Marxismus funktioniert auch nicht, taeglich gibt es Streiks. Jetzt streiken gerade die Busfahrer fuer mehr Strom, versammeln sich im Fussballstadion neben dem Busbahnhof und es herrscht sowas wie Volksfeststimmung. Die Stromversorgung ist auf 12 Stunden taeglich beschraenkt, im neuen Jahr, es faengt gerade 2066 an, sollen es mehr werden. Punkt acht Uhr abends geht das Licht aus. Um drei Uhr nachts ist der Strom oft wieder da, aber wer braucht ihn da ausser zum Handy-Aufladen? Manchmal kommt er auch frueher, vor der Sperrstunde um elf, denn es herrscht Ausgangssperre. Wenn das Licht in den Lokalen wieder angeht, tippen sich die Menschen mit der Hand auf Brust, Mund und Stirn, was so viel heisst wie den Goettern seis gedankt. In Myanmar waren die Menschen der Ansicht, wenn uns die Regierung keinen Strom schickt, dann starten wir unsere eigenen Dieselgeneratoren an. In Nepal schicken die Goetter den Strom, und wenn er nicht aus der Steckdose kommt, dann starten sie hier wie dort die lauten und stinkenden Generatoren an.

Alkohol und Haschisch gabs und gibts genug. Nepal heisst auch: never ending peace and love. Das haben die Hippies in den siebziger Jahren erfunden, als sie sich hier angesiedelt haben. Die Nepalesen haben eine Strasse nach ihnen benannt: Freakstreet, lauter Freaks in den Augen der Einheimischen. Ein paar sind noch immer da, aber viel mehr aus einer neuen Generation.
Die machen jetzt Volunteering oder Voluntourismus. Man kommt nicht mehr einfach in ein Land, sondern man kommt, um zu helfen. Bis man draufkommt, so funktioniert das nicht, man kann nicht in ein paar Stunden das Land, das Kinderheim oder sonstwas "verbessern". Man kann nur fuer sich selber etwas lernen, naemlich dass oder wie Dinge anders funktionieren koennen oder muessen als gewohnt.

Tara, eine blonde Deutsche mit Rastazoepfen bis zum Popo ist auch hier, um zu helfen. Jeden Abend haelt sie Hof in der Full Moon Bar. Lange hat sie in Goa gelebt und damals Stella geheissen. Dann kam sie nach Varanasi und ist den Leprakranken begegnet, die ihr geholfen haben, als sie kotzend auf den Stufen der Burning Ghats gesessen ist. Das hat ihr Herz beruehrt und sie hat ein Kinderheim fuer Leprakinder gegruendet. Dazwischen hat sie einen Sohn bekommen, der ist jetzt etwa zehn und haengt jeden Abend mit ihr in der Bar herum, bis er gegen Mitternacht in einer Ecke einschlaeft. Wenn sie zwischen zwei und drei gehen will, weckt sie ihn auf. Die Leprakinder machen so viel Arbeit, vor allem das Spenden sammeln und mehr noch das verteilen, dass ihr Kind sie meiste Zeit bei einer Pflegefamilie in Goa lebt. Fuer das Leprakinderheim ist sie vor ein paar Jahren als Frau des Jahres ausgezeichnet worden.

Damit ich nicht extra nach Varanasi fahren muss, schaue ich mir die Burning Ghats hier an, ausserhalb Kathmandus, wo die Toten am Flussufer verbrannt werden. Ein Scheiterhaufen neben dem anderen, manchmal schaut eine Hand heraus. Einer ist damit beschaeftigt, die Leichen am Brennen zu halten. Es raucht und stinkt und ich bin schnell wieder weg hinueber zur buddhistischen Stupa, wo die Menschen in der (Abend)Daemmerung mit einer Perlenschnur in der Hand - die bei uns als Rosenkranz angekommen ist - den Tempel umrunden und dabei tratschen und beten. Die meisten gehen nach Hause, als der Mond aufgeht und ich kann zuschauen, er innerhalb von fuenf Minuten in voller Groesse am Himmel erscheint. Die Haeuser der Tibeter sind neu und gross und schoen, auch die in den Fluechtlingslagern. Muessen tuechtige Menschen sein oder viele Unterstuetzer in der Welt haben. Sie haben ja auch eine gute PR, allen voran den Dalai Lama.

Die hinduistischen Goetter und Goettinnen haben keine Tempel, sie sind ueberall. Heilige Steine, rot markiert, heilige PLaetze, heilige Statuen, alle paar Meter gibt es etwas zum Stehenbleiben, Beruehren und den Segen abholen. Wenn man ehrfuerchtig verweilt hat, lauetet man eine Glocke und macht sich einen roten Punkt auf die Stirn. Die alten Haeuser haben kleine Fenstern, unten sind Werkstaetten oder Geschaefte, oben schaut manchmal jemand heraus. Eine kleine Gasse, kaum breit genug zum Durchgehen, fuehrt zu einem kleinen PLatz, ein- bis zweistoeckige Haueser auf jeder Seite, Huehner, Kuehe, Hunde und in der Mitte wieder ein heiliger Stein. Kinder spielen, Frauen sitzen und schnipseln Gemuese, eine Gruppe Burschen mit geschnitzten Masken ueber dem GEsicht machen einen Kreistanz. Der in der Mitte hat ein Beil in der Hand, um ihn herum, zu ihm hin und von ihm weg bewegen sich die anderen Gestalten. In der Ecke sitzt einer mit einem gitarreaehnlichen Instrument und macht die Musik dazu.

Es ist wie Mittelalter: alle Frauen haben das gleiche an, fahrende Spielleute sorgen fuer Unterhaltung, Kerzen sorgen fuer Licht und das Wasser kommt, wenn ueberhaupt, braun aus der Leitung. Der Mist wird einfach auf die Strasse geschmissen. Entweder fressen ihn die Kuehe, die Hunde, die Katzen, die HUehner oder in der Nacht die Ratten. Als ich in der Nacht nach Hause komme, kraxelt ueber meinem weiss bezogenen Polster im Bett gerade eine Kakerlake. Gestern hat mir mein Hotelbesitzer erzaehlt, er arbeitet daran, im Lonely PLanet aufgelistet zu werden.


Donnerstag, 14. Mai 2009

Bei den Schamanen

"Ich fahre am Freitag nach Kathmandu zurueck und bleib auf dem Weg eine Nacht bei einem Schamanen. Moechtest du mitkommen?", fragt Rolf. Er ist Deutscher und Journalist und lebt seit zwei Jahren in Nepal, berichtet von hier und betreut Entwicklungshilfeprojekte. Ich moechte mitkommen. Am Freitag zu fahren schaffen wir nicht, weil wir am Abend mit einer Runde aus England, Schottland, Ireland, Belgien, Holland und Amerika bis vier Uhr frueh in der Bluesbar meinen Paraglidingflug feiern. Wahrscheinlich waeren wir sonst auch nicht frueher gegangen. Wir fahren am Samstag frueh mit dem Bus. Um drei Uhr nachmittags steigen wir kurz vor Kathmandu aus. Der Schamane hat zwei stattliche Haeuser nebeneinander, ist 76 und heisst Mohan. "Heute frueh haettet ihr kommen sollen, da hatten wir ein grosses Fest zu Ehren der Ahnengeister. Es ist Maivollmond und da wird fuer die Ahnen getrommelt, getanzt und gesungen", sagt er und schlaegt auf die grosse TRommel im Zeremonienraum, dass ich zusammenzucke. Befreundete Schamanen, die meisten davon Frauen, sitzen erschoepft im Hof. Eine Gruppe von Schuelern aus dem Westen ist auch da. "Ich verstehe nicht, wie wir das versaeumen konnten", sage ich zu Rolf. "Hab ich doch nicht gewusst ", sagt er.

"Vom Maivollmond bis zum Augustvollmond sind die Goetter auf Urlaub, dann gibts wieder ein grossen Fest", sagt Mohan. Er zeigt mir den Altarraum und ich bleibe sitzen vor einer Wand voller Masken. Eine aeltere Frau, eine Juengere und ein Mann kommen herein. Dann eine Schamanin. Die aeltere Frau setzt sich vor die Altarwand, die Schamanin zuendet eine Kerze und Raeucherstaebchen an, dann stellt sie sich vor die Frau, den Ruecken zum Altar, die Raeucherstaebchen in der Hand, Reiskoerner in der anderen. Sie beginnt, Mantras zu singen, die Raeucherstaebchen ueber den Kopf und die Schultern der Frau zu schwingen und am Ende jedes Mantras ein paar Reiskoerner Richtung Altar zu werfen. Dann das gleiche ohne Pause wieder, die Augen geschlossen und nach einer Weile Singsang faengt sie zu schlottern und zu huepfen an. Eine Energie ist aus dem Koerper der Frau herausgestiegen, wurde von ihr freigelassen. Sie streicht der Frau ueber den Kopf und die Schultern, ohne sie zu beruehren. Das macht sie ein paar Mal, dann kommt der Mann dran mit der gleichen Zeremonie. Die Frauen tratschen einstweilen und niemanden stoert es, dass ich dabeisitze.

Wieder draussen im Garten fragt mich ein Schamane, ob er mich checken soll. "Warum nicht", sage ich. Mohan, der Chefschamane, sagt, du solltest besser darueber schlafen und morgen frueh entscheiden, ob du das wirklich willst. Rolf und ich uebernachten hier so wie die vier Schamanenschueler, die am naechsten Tag zur Ausbildung in die Berge aufbrechen. Nach dem Fruehstueck sitze ich dem Schamenen gegenueber, der an jeder Hand meinen Puls fuehlt. Dann gehen wir in den Altarraum mit einem von Mohans Soehnen, der uebersetzt. "Was ist dein Problem?", fragt der Schamane. "Ich habe bestimmt hundert Probleme", sage ich. "Wo soll ich anfangen?", sage ich. "Woran dankst du?", fragt er. "Seit ich hier bin, denke ich an meine Grossmama. Es ist der Tag vor dem Muttertag und da ist sie gestorben. Der Schamane sagt: "Ueber sie musst du dir keine Gedanken machen, sie ist ein einer besseren Welt und begleitet als Schutzgeist dich und die ganze Familie. Es geht ihr gut. Da gibt es kein Problem", und ich muss weinen vor Freude. "Die andere Sache ist, du verlierst seit fuenf oder sechs Monaten Energie. Ist irgendwas passiert?" "Ich bin seit fuenf Monaten unterwegs. Seit ich reise, werde ich von meinem Exmann im Traum heimgesucht. Letzte Nacht war er wieder da und ich wache mueder auf, als ich schlafen gehe." "Was hast du noch mit ihm zu tun?"'fragt er. "Gar nichts, ausser dass er mir noch immer Geld schuldet und das will ich haben", sage ich. "Das spuert er wahrscheinlich und deine Erdenergie ist im Moment schwach, da kann er dich leicht angreifen, das kostet dich Energie. Es ist eine Spirale nach unten. Wir koennen das stoppen, wir machen eine Zeremonie." Wir vereinbaren, ich komme am naechsten Abend mit Rolf wieder, denn morgen muss ich mir mein indisches Visum abholen und am Freitag muss ich aus Nepal draussen sein, da mein nepalisches Visum ablauft.

Als wir Montag abend bei Mohan ankommen, ist es schon dunkel. "Wir machen die Zeremonie morgen, denn ein Teil muss im Freiem unter der Sonne stattfinden", sagt Mohan. Rolf und ich setzen uns auf den Balkon und schauen dem Gewitter zu, trinken Bier und hausgebrannten Schnaps. Blitze ueber dem ganzen Himmel, die unter die Haut gehen und gewaltige Donnerschlaege, dann heftiger Regen, die Vorboten des Monsoon, der in einem MOnat beginnen wird. Am naechsten Morgen faehrt Rolf nach Pokhara zurueck, wir verabschieden uns. In der Frueh geht Mohan mit mir in den Altarraum. "Mit den Ahnen deiner Mutter ist alles in Ordnung. Auf der Seite deines Vater gibt es ein Problem. Ein maennlicher Vorfahre ist gewaltsam gestorben, ein Mord, ein Unfall, welche Gewalt weiss ich nicht, es kann lange her sein, wir schauen immer sieben Generationen zurueck. Der irrt jetzt verloren umher, aber wir koennen ihn durch Opfer beruehigen. Und du muss an deinen Exmann denken, er soll kommen und dir das Geld geben, du musst ihn anrufen, es sagen. Pavrati, die Schamanin, wird die Zeremonie machen. Zuerst herinnen und dann draussen, es wird etwa eine Stunde dauern."

Pavrati kenne ich schon, sie ist eine etwa sechzigjaehrige Frau mit langem Zopf, zerfurchtem Gesicht und guetigen Augen. Die Zeremonie ist genauso, wie sie sie gestern gemacht hat. Ich schliesse die Augen und nach einer Weile Singsang spuere ich, wie eine Energie aus mir raus steigt, fange zu zittern an, oeffne die Augen und Pavrati schlottert und huepft vor mir. Ein paar Sekunden spaeter legt sie beruhigend ihre Haende ueber meinen Kopf. Das wiederholt sie einige Male drinnen. Ein paar Mal muss ich weinen, dann draussen vor einem kleinen blumengeschmueckten Altarplatz, ich sitze davor auf einem Sessel. Dann muss ich aufstehen, ein Stueck weiter hinten in der Sonne und neben einer Raeucherschale stehen. Immer wieder kommen Traenen. Der letzte Geist ist besonders hartnaeckig. Pavrati nimmt einen Besen und kehrt ihn weg von meinen Schultern, dem Bauch, dem Ruecken, zwischen den Beinen und von den Fuessen. Es schuettelt und beutelt mich hin und her, aber dann ist er weg. Mohan kommt mit einem geschnitzten Stab und beruehrt die sieben Chakren. "Ein Teil von dir hat geschlafen und wenn die Seele schlaeft, ist man immer muede. Jetzt haben wir sie aufgeweckt und alles wird gut", sagt Mohan und bringt mir einen Tee. Etwas spaeter kommt Pavrati wieder. Jetzt hat sie einen Sari an und schaut aus wie eine normale Inderin. Wir fahren gemeinsam im Rikshaw-Kleinbus nach Kathmandu. Ich bin ziemlich erschoepft. In der Nacht schlafe ich gut und am naechsten Tag habe ich einen Zahnarzttermin, weil seit einer Weile ein Zahn wackelt. Als ich im Zahnarztsessel sitze und der Zahnaerztin den wackeligen Zahn zeigen will, wackelt er nicht mehr.

Dienstag, 28. April 2009

Helen und Holly am Himalaya

"Ich hab dich gestern abend in der Jazzbar gesehen", sagt eine Frau im Guesthouse in Pokara zu mir. "Ich bin Helen". Ja, ich erinnere mich. Sie hat mit der Band gesungen. Normalerweise kennen die Gaeste die Kuenstler und nicht umgekehrt. Helen hustet. "Ich habe mich vor ein paar Tagen verkuehlt", sagt sie. "In den Bergen hat es geschneit. Ich habe gemeinsam mit Holly und ihren drei Kindern den Berg Pune bestiegen. Das ist Holly und ihre kleine dreijaehrige Tochter Luana. Fuer Luana hat sie einen TRaeger gemietet so wie andere Leute fuers Gepaeck. Und obwohl diese Traeger bis zu 30 Kilo auf ihrem Ruecken schleppen, konnte der das kleine Maedchen nicht tragen. Maenner haben keine Hueften, wo die Kinder aufsitzen koennen.

Also hat Holly sie getragen, zwei Tage hinauf und der TRaeger das GEpaeck. Die zwei grossen Buben, 12 und 8 sind vorausgelaufen und der TRaeger, Shiva ist mit mir gegangen und Holly mit der KLeinen am Ruecken im Tragetuch hinten nach. Shiva hat mit mir geflirtet. Mein Freund hat mich vor ein paar Monaten verlassen. Das war zu Weihnachten und wir waren 6 Jahre zusammen und wollten heiraten. UNd ploetzlich wollte er seine Freiheit. Es war die Freiheit, mit einer 22-jaehrigen Deutschen zu voegeln. Und ich bin 42, wir haben uns in Goa kennen gelernt, ich lebe da seit 6 Jahren und bin Saengerin in einer Jazzband und er war der Gitarrist. Er ist Inder, aber in Dubai sehr westlich aufgewachsen und wollte ein Rockstar sein.


Holly lebt mit ihren Kindern schon seit 10 Jahren in Goa. In London hat sie ein Haus, das sie vermietet und mit dem Geld kann sie sich in Goa mit ein bisschen Verkaufen am Markt ein richtig gutes Leben leisten. Sie wohnt in einer alten portugisieschen Villa mit Hausmaedchen und Gaertner und die Kinder gehen in eine Privatschule. Der einzige Nachteil ist die Regenzeit, die demnaechst anfaengt. Die einzigen, die bleiben, sind die Muetter mit den Kindern, weil sie muessen. Die Maenner verfallen entweder komplett den Drogen oder sie gehen und bleiben weg. Von ihrem Mann hat sie sich vor eineinhalb Jahren getrennt. Sie moechte in Goa bleiben. Jetzt ist sie in Nepal, damit sie ein 5-Jahresvisum fuer sich und ihre Kinder bekommt. Mit etwas Geld unter der Hand geht das hier.

Fuer unsere Bergbesteigung musste ich mir ein paar Sachen kaufen, immerhin waren wir auf fast 3000 Meter. Wir sind mit unseren Turnschuhen gegangen und unseren 3/4 Hosen, aber Haarshampoo und TRockenfruechte hab ich eingepackt. Ich haette viel mehr TRockenfruechte kaufen sollen, denn alles, was man am Weg zu essen bekommt, ist Dal Bat, Reis und Linsencurry. Und das macht ziemlich viel Wind. Beim Gehen hat immer jemand gepfurzt und es hat dauernd gestunken. Waschen kann man sich auch nicht ordentlich, es gibt zwar Duschen, aber meist kein heisses Wasser und wenn, dann im Kuebel und wenn die Sonne weg ist, ist es eiskalt in den Huetten. Und in der Frueh mussten wir immer sehr schnell die Huetten verlassen, weil Luana in der Nacht immer ins Bett gemacht hat, was sie sonst nicht tut. Und Holly wollte weg sein, bevor es jemand bemerkt. Also hat sie Shiva und mich jedesmal aus dem Bett gescheucht, damit wir weiterkommen.

Einmal sind wir sieben Stunden gegangen, bergauf, bergab, bergauf, bergab, ueber Haengebruecken, Stufen hinauf und wieder hinunter. Die Buben sind immer vorausgelaufen, auch wenns geregnet hat. Am Schlimmsten war es, ueber die Haengebruecken zu gehen, wenn einem darauf eine Ziegenherde entgegen gekommen ist. Es hat auch geschneit und Holly hat ein Tuch ueber ihren Kopf und den Kopf von Luana gelegt und sie haben ausgeschaut wie Fluechtlinge. Eine nepalesische Frau hat sie zu sich in die Huette bzw unters Dach gewunken, damit sie sich waermen koennen und ihnen nepalesischen suessen Milchtee zu trinken gegeben. Mich hat ja Shiva gewaermt. Holly wollte, dass er zumindest die Buben beaufsichtigt, wenn sie ihn schon bezahlt. Aber er hatte nur Augen fuer mich und hat mich gefragt, willst du mich heiraten?. Am Abend in der Huette sind dann alle TRaeger zusammen gesessen und haben sich gegenseitig erzaehlt, was sie so gemacht haben. Ich glaube, Shiva hat auch erzaehlt, was wir so gemacht haben. Aber das haben sowieso alle gehoert, denn die Waende in den Huetten sind wiePapier. Ich habe das so genossen, nachdem mich mein Freund fuer eine 22-jahrige verlassen hat. Er ist ja immerhin erst 21, aber sehr gut gebaut, wenn du weisst, was ich meine.

Shiva ist ja der Gott der Zerstoerung und er hat meine Depression zerstoert. Das war das Beste an der Himalayabesteigung. Das Zweitbeste war der 360 Grad Rundumblick auf die achttausender Gipfel, als wir am Karfreitag oben angekommen sind. Das ist die Kaelte, den Schnee, das schlechte Essen, den Gestank und die Pfurzerei wert. Es stinken ja alle, wenn sie herunterkommen. Zuerst glaubt man, alle anderen, aber meist riecht man sich selber. Als wir wieder herunten waren, wollte mich Shiva seinen Eltern vorstellen, bevor wir heiraten oder dass ich ihn zumindest unterstuetze. Er moechte naemlich Taxifahrer werden.

Ich bin am Abend in die Jazzbar gegangen, ich will mir ja eine neue Band suchen, mit der ich singen kann. UNd tasaechlich waren da diese zwei Burschen aus Amerika, der am Bass war sogar aus New Orleans, und wir haben eine Jamsession angefangen. Und da hab ich dich reinkommen gesehen." Helen muss wieder husten und ich auch. Ich war nicht am Berg, aber am vormittag bei einem chinesischen Arzt, weil mein Husten immer wieder kommt. Er hat meinen Puls gefuehlt, meine Zunge angesehen und gesagt: zu viel Hitze. Dann hat er mir eine Infusion gegeben, ein paar Tabletten und einen Hustensaft und gesagt: eine Woche lang nichts kaltes trinken, keinen Alkohol und kein Chilli. Heute ist mein Husten schon viel besser.

Sonntag, 26. April 2009

Luftsprung

No rikhshaw, no tigerbalm, no hashish, no change money, no one rupie, no problem. Jedesmal, wenn wir in Thamel, dem Backpackerviertel in Nepals Hauptstadt Khatmandu das Guesthouse verlassen, muessen wir die gleichen Haendler abwehren. Ich bin mit Nicole, einer Australierin unterwegs, die ich am Flughafen beim Anstellen um ein nepalesisches Visum kennen gelernt habe. Beim Heimgehen um Mitternacht pfeifen oder rufen uns die nepalesischen Burschen nach: "I love your bubs" - klasser Busen - , und ein Mann, der hinter uns geht, sagt, ich dachte immer, die australischen Maenner benehmen sich Scheisse.

Nicole will zu einem Hindutempel fahren, wo Tiere geopfert werden. Wir erfragen an der Bustation die Abfahrtszeit und der Schaffner sagt, eine Stunde dreissig Minuten und da es kurz vor halb zwei ist, denke ich, er meint die Uhrzeit. Nach den ersten 500 Metern Fahrt ist klar, er meint die Fahrtdauer. Nicole sagt, es sind doch nur 20 Kilometer und ich sage, dafuer brauchen wir bestimmt zwei Stunden. Nach der Stadtgrenze und einer Stunde Fahrzeit gehts eine Bergstrasse hinauf. Ein Bus kommt uns entgegen, die Dachgalerie voller Menschen. Da weiss ich erst, was das Gepoltere ueber unseren Koepfen zu bedeuten hat: das Dach unseres Busses ist auch voll, nachdem unten bei bestem Willen niemand mehr hineingestopft werden konnte. Nach knapp zwei Stunden sind wir da und die drei Burschen, die hinter uns gesessen sind, wollen uns den TEmpel zeigen. Einer ist gerade aus Goa in Indien zurueckgekommen, wo er bereits die 5.Saison als Koch gearbeitet hat und spricht sehr gut englisch. Vom Tieropfer ist ausser dem Schlachtplatz nichts mehr zu sehen. Die Leute nehmen das Fleisch mit nach Hause, sagt er. Ich dachte immer, Hindus sind Vegetarier.

Wieder zurueck zur Busstation, damit wir den letzten Bus noch erreichen. Er kommt schon voll an und wenn wir mitfahren wollen, dann muessen wir aufs Dach hinauf. Wie soll ich da hinaufklettern, die Leiter aufs Dach hoert mit der hinteren Fensterscheibe auf. Aber ich schaffs. Oben zeigt mir der Bursch, dass er seine Flip-Flops auszieht und sich draufsetzt, damit der Hintern nicht so weh tut, wenn man auf den Galeriestaeben sitzt. Das Dach fuellt sich und ich setze mich mit dem Ruecken bergab und den Augen bergauf, damit ich nicht sehe, wie steil und eng die Strasse ist. Der Bursch neben mir drueckt mir jedesmal den Kopf hinunter, wenn wir knapp unter Aesten oder Stromkabeln durchfahren. In der hinteren Ecke sitzt ein ziemlich Betrunkener und macht in die Hose. Der Urin verteilt sich am hinteren Dach bis zu einer Querlatte, wo er nicht weiterkann, alle fluechten von dem Bereich des Dachs nach vorn, wos jetzt ziemlich eng wird. Der Schaffner steigt herauf, um von allen den Fahrpreis zu kassieren, bevor wir am Stadtrand von Kathmandu das Dach raeumen muessen.

Das Dach der Welt, das Himalayagebirge hab ich einmal beim Rueckflug aus Hongkong in der Nacht gesehen: eine dunkelbraune Masse. Beim Anflug auf Kathmandu ganz anders: weisse Schnee-oder Eisspitzen ragen aus der Wolkendecke in der gleichen Farbe, sodass ich ein paar Mal schauen muss, ob das auch wirklich Berggipfel sind. Dann der Kapitaen: Rechts im Nordosten der Mount Everest, links im Suedwesten der Annapurna, dazwischen die ganze Kette von Sieben-bis Achttausendern und weil man die heute so gut sieht, dreht er noch eine Ehrenrunde, wie mir scheint.



Nach Pokhara am Fusse der Himalayas kommen alle, um von hier ins Annapurna-Basecamp aufzubrechen. Ich nicht. Ich schaue mir die hoechsten Berge der Welt jetzt von unten an, wenn man sie sehen kann. Das ist nicht oft der Fall, nur am Morgen nach einem Gewitter. Die Biltze und der Donner ist so maechtig, wie die Berge praechtig sind. Von den niedrigeren Bergen schweben Paraglider durch die Luft. Nachdem mir immer mehr Leute erzaehlen, wie toll das ist und ich Peter kennenlerne, der Tandemfluege macht, entschliesse ich mich dazu. Wir fahren auf den Sarangkot, den Hausberg von Pokhara, etwas 1500 Meter hoch. Er breitet den Schirm aus, zieht mir meinen Rucksacksitz an, harkt mich an seinen Sitz und mit der naechsten Windboehe heisst es loslaufen Richtung Horizont. "Du darfst nicht stehenbleiben, bevor ich es dir sage, du bist wie die Spitze des Flugzeugs, wenn der Schnabel nach unten kippt, kann das Flugzeug nicht abheben." Nach fuenf Schritten ist die Absprungwiese zu Ende und ich laufe den Steilhang hinunter. Nach weiteren fuenf Schritten springe ich in die Luft, keinen Boden mehr unter den Fuessen und der Schirm traegt noch nicht, aber schon fliegen wir wie ein Vogel. Hinter uns die Berge und unter uns der See, wir steigen auf, schweben wieder hinunter, nach links und nach rechts und ich muss schreien. Peter hat ein Messgeraet und wenn es piept, bekommen wir Aufwind, einen Bergruecken entlang, bis zum naechsten, hinauf und wieder hinunter. Irgendwann bringen uns die Schleifen, die wir fliegen, der Erde immer naeher und wir landen auf einer Weide in der Naehe des Sees. Ich lege mich auf den Ruecken und schaue zum Himmel hinauf und denke mir, gerade war ich noch da oben und ich bin gluecklich.

Mittwoch, 15. April 2009

Schlafen im Tempel

Der Bus von Mandalei nach Bagan faehrt mit eineinhalb Stunden Verspaetung ab. Nach zwanzig Minuten steht er wieder, Keilriemen gerissen, wir warten auf einen neuen. Nach einer Stunde Fahrt die naechste Reparatur. Wir stehen auf einer Art Dorfplatz und eine Gruppe Kinder beobachtet uns sechs Weisse aus sicherer Entfernung. Steve, ein grossgewachsener Amerikaner moechte sich ihnen naehern. Mit lautem GEschrei rennen sie weg. Wir fahren ein Stueck zum Dorf hinaus, wieder ein Stop. Nach drei weiteren Pannen das endgueltige Aus. Jemand muss nach Bagan, den Ort, den wir ansteuern und einen Ersatzbus organisieren. Wir warten am Rand einer staubigen Landstrasse und erreichen das dreihundert Kilometer entfernte Bagan nach zwoelf Stunden. Beim Abendessen erzaehlt ein Amerikaner, dass seine Mutter geweint hat, als er ihr sagte, er wolle nach Myanmar.


Ich borge mir ein Fahrrad aus, um die Tempel, Stupas und Pagoden rund um Bagan zu erfahren. Maedchen sitzen unter Baeumen, vor ihnen ein Tisch mit einem Tastentelefon, das Kabel verschwindet irgendwo zwischen den Aesten. Manchmal telefoniert auch jemand. Andere verkaufen Benzin in Ein-Liter-PLastikflaschen fuer zwanzig oder mehr Jahre alte Toyotas oder Kia-Busse, manche rechts und manche links gesteuert. Am Dorfplatz hinter dem dritten Baum eine Wirtin. Sie hebt die Deckel der Toepfe, damit ich mir das Essen aussuchen kann. Hendl, Schweinefleisch, Schweisnhaxen oder Rindfleisch. Ich nehme Rindfleisch, es ist ein pikantes Gulasch, dazu gibts Kuerbisgemuesesuppe, Reis und fuenf verschiedenen Salate, Erdaepfel mit Erdnuessen, Paradeiser mit Gruenzeug, Sojasprossen, Melanzani und Wurzelgemuese. Nach dem Essen nehmen die Leute ein Haeferl, das an einem Nagel am Baumstamm haengt und schoepfen Wasser aus einem Tonkrug und trinken es, ohne den Rand des Haeferls zu beruehren. Was auf dem Tisch in den Schuesseln uebrigbleib, wandert wieder in die Toepfen. Ein Bauer parkt seinen Ochsenkarren im Schatten ein, dahinter ein Lastwagen, die Ladeflaeche voller Menschen, heute ist Sonntag, ein Ausfluegstag.


Der suesse Duft von bluehenden Baeumen liegt in der Luft, es ist staubig und still in der Mittagshitze. Ich fahre weiter, hinunter zum Irrawadyfluss, breites Flussbett, die Haelfte davon Sandbaenke, dann eine kleine Anhoehe hinauf. Im 360 Grad Blickfeld ein TEmpel nach dem anderen, hinter dem anderen, neben dem anderen, rot, gold, weiss, alt, neu, gross, klein, etwa 4000 insgesamt. Einen alten roten Ziegelbau aehnlich Angkor Wat in Kambodscha will ich mir naeher anschauen. Die TEmpelhaendler am Zu- und Eingang kann ich abwehren, ich finde ein ruhiges PLaetzchen. Ein Maedchen kommt und breitet eine Decke auf dem Steinboden aus. "Ich bin muede, du auch, komm, schlafen wir eine Runde." Wir legen uns nebeneinander auf die Decke und machen die Augen zu. Als wir eine halbe Stunde spaeter durch Getrampel aufgeschreckt werden und ich mich aufsetze, steht eine Gruppe von dreissig Menschen um uns herum und starrt mich an. Zuerst starre ich zurueck, dann stehe ich auf, es ist Zeit, zu gehen.


Mit dem Rad zurueck im Ort sehe ich eine Tafel, die auf eine Wahrsagerin hinweist, bleibe stehen, gehe hinein und setze mich ihr gegenueber. Eine alte Frau mit markantem Gesicht, sieht nicht sehr asiatisch aus, grauen Haaren und viel weisser Paste im GEsicht. Ein Dolmetsch sitzt neben ihr. Sie schaut meine Handflaechen an und sagt, dass viele gute Geister um mich herum sind und auf mich aufpassen, meine Familie mich liebt, ich im Ausland arbeiten und erfolgreich sein werde, dann werde ich nach Oesterreich zurueckkehren. Heuer werde ich keinen Ehemann finden, ich werde ein langes Leben haben, wenn ich heirate, werde ich ein Kind haben und spaeter wird noch ein Adoptivsohn dazukommen. "Noch Fragen?", sagt sie und zuendet sie sich eine Cheerot, eine hiesige Zigarre an. "Nein", sage ich, bedanke mich, zahle und gehe.


Die Italiener und Belgier warten auf mich, wir sind bei einem burmesischen Maedchen eingeladen, dem sie Makeup, Parfum, Lippenstift, eine Jeans und Tops geschenkt haben. Sie holt uns ab und hat Geschenke - Lackarbeiten, fuer die sie hier bekannt sind, mitgebracht. Wir gehen mit ihr am Markt vorbei eine kleine GAsse hinein, finster, am Wegrand Dreck, Hunde und Schweine. Vor einer der Huetten bleibt sie stehen, mein Haus sagt sie. Die Gartentuer ist offen, denke ich, aber es ist die Haustuer. Drinnen ein PLateau etwa einen halben Meter hoch, 3x3 Meter, ein niedriger Tisch steht drauf, wir ziehen die Flip-Flops aus, steigen hinauf und setzen uns. Dahinter in der Ecke ein etwas gleich grosses Plateau, darauf liegt jemand. "Mein Vater", sagt das Maedchen, "er hat einen schlechten Fuss."

In der Ecke links ist eine Feuerstelle. Das Essen steht schon auf dem Tisch. Es gibt Reis, gebratenes Hendl und Fisch, Teeblattsalat, Sojasprossen, Spiegeleier. Das Maedchen, ihr Mann, ihre 2 Brueder, ihre Schwaegerin, ihre Mutter, ihre Tante und ihr Sohn schauen uns beim Essen zu. Das Maedchen sitzt neben uns und ihr Sohn setzt sich zu ihr. Er ist zweieinhalb und sie still ihn. Nichten und Neffen im etwa gleichen Alter sitzen daneben. Der juengere Bruder im Moenchsgewand mit Freund, auch Moench, schaut vorbei. Hunde und Schweine schauen bei der Tuer herein, hinter uns roechelt der alte Mann. Als noch ein paar Nachbarn kommen, muessen ein paar Leute die Leiter hinauf auf den Zwischenboden, wo sonst alle schlafen, steigen, um PLatz zu machen. Wir essen gerade soviel, damit es nicht unhoeflich ist und wir trotzdem nicht das Gefuehl haben, ihnen allzuviel wegzuessen.

Am naechsten Tag will ich meinen Flug zurueck nach Rangon und von dort nach Bangkok buchen. "Heute gibts keinen Strom, kein Telefon, kein Fax und kein Internet, vielleicht spaeter", sagt der Mann, den ich gerade aufgeweckt habe. Spaeter bucht er mir tatsaechlich die gewuenschten Fluege, ich bekomme ein Fax mit einer Nummer drauf, zahle und hoffe, dass das an den Flughaefen als Ticket oder zumindest Reservierungsnummer durchgeht. Dann halte ich auf der Strasse das naechste Pferdefuhrwerk auf, setze mich hinten in den PLanenwagen und sage zum Kutscher: "Zum Flughafen bitte."




Freitag, 3. April 2009

Die Strasse nach Mandalei

Myanmar oder Birma oder Burma, wie immer man dieses Land nennt - es ist viel zu heiss hier. Um acht Uhr frueh komme ich am Flughafen in Rangon an und es hat 40 Grad, nach einer Nacht am Flughafen in Bangkok, der auf etwa 10 Grad gekuehlt ist. Ein netter TAxifahrer und Sohn bringt mich ins Hotel Beautiland 2, die Frauen gehen mit Schirmen auf der Strasse. Ich packe meinen Regenschirm aus und tue das gleiche. Ein alter Mann kommt mir entgegen, Geld wechseln?, fragt er - hier gibts keine Bankomaten. Nein, will ich sagen, ich habe schon, da zischt ein Fussball an unseren Koepfen vorbei. Ein Bub laeuft ihm nach. "Als ich jung war, habe ich das gleiche gemacht", sagt er und ich denke, in Europa kann das kein Opa mehr zu seinem Enkel sagen, Fussballspielen auf der Strasse ist vorbei.



Am Abend gehe ich in die Swedagonpagode, ein riesiges glockenfoermiges Gebilde in Gold. Ich setze mich in eine offene Saeulenhalle, vor mir treffen die letzten Sonnenstrahlen den Goldmantel und ein junger Mann stellt mir die ueblichen Fragen. Die erste ist wie immer "Woher kommst du?" und ich sage aus Oesterreich und er kennt Mozart und die Habsburger, Beethoven und Goethe. Da will ich wissen, was er macht. "Ich studiere Literaturwissenschaften", sagt er "und hab meine Diplomarbeit eingereicht, die Sommerferien haben heute begonnen". Ich will wissen, zu welchen Thema und er sagt "Neue burmesische Literatur im Vergleich" und ich denke, nichts koennte die Welt weniger interessieren.



Die zweite Frage ist immer, wie ich heisse. Ich sage Edith und er fragt, ob ich an einem Sonntag geboren bin und ich sage fast, 30 Minuten nach Mitternacht. Und er sagt, hier in Myanmar werden Kinder, die an einem Sonntag geboren sind, auf einen Namen getauft, der mit a,e,i,o,u anfaengt und wenn man an einem Montag geboren ist, bekommt man einen Namen, der mit k, ke, g, ga, nye anfaengt und er weiss auch, dass diese Buchstaben fuer einen Europaeer keinen grossen Unterschied machen. Ich frage nach seinem Namen und er sagt Nyein Moe, das heisst friedlicher Himmel oder Regen. Ich sage: "Also bist du auch an einem Montag geboren?" "Nein", sagt er, "mein Vater war Kommunist und hat nicht an diese Sachen geglaubt. Ihm hat der Name gefallen."


Eine Kehrbrigarde rueckt immer naeher und kehrt den Platz, jede Person hat in jeder Hand einen Besen. Zuerst eine Reihe Frauen, dann eine Reihe Maenner, dann eine Reihe mit Mistaufkehrern. "Heute ist Freitag, heute kehren die, die an einem Freitag geboren sind. Der Putzdienst ist Ehrensache, so kommen Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten zusammen, Arbeiter, Aerzte, Lehrer, Beamte und Bauern", erklaert mir mein Student. Obwohl hier niemand Schuhe tragen darf, ist es doch ganz schoen staubig. "Und die dort drueben mit dem Wasser, putzen die auch?", frage ich. "Nein, jeder betet bei seinem Geburtstagsbuddha und da gehoert dazu, dass man ihn mit Wasser uebergiesst. Wir koennen zu deinem Montagsbuddha gehen, er steht im Osten, ist dem Mond zugeordnet und wird von einem Tiger bewacht." Wir gehen hin. "Du musst so viele Schalen Wasser ueber ihn giessen, wie alt du bist." Das mach ich.


Wo ich in Myanmar noch hin will, will er wissen. Mandalei, Bagan und Inlesee, sage ich. Da ist es noch heisser als hier, sagt er, nur am Inlesee ist es kuehler, weil der etwas hoeher liegt. In der Nacht tropft mir der Schweiss beim Liegen in den Nacken und erst gegen morgen wirds etwas kuehler, da schreit auch schon der Muezzin von der nahen Moschee "Allah akba" - Gott ist gross. Ich buche einen Flug an den Inlesee. Am Abend gehe ich wieder in die Pagode und setze mich an die gleiche Stelle. Neben mir sitzt eine Familie: Grosseltern, Eltern, Kleinkind. Als das Kind in die Hose macht( die Kinder tragen keine Windeln), gehen sie . Dann kommt eine etwa 40-jaehrige Frau mit Halskette und Ohrringen, nimmt eine Art Rosenkranz aus der Tasche und beginnt mit lautem Gemurmel zu beten. Etwas spaeter eine aeltere, breitet eine Decke aus, setzt sich drauf und macht das gleiche, ist bestimmt die Mutter. Dazwischen laeutet immer wieder das Handy und das ist hier noch eine Seltenheit. Die Aeltere schaut ganz streng, wenn die Juengere nicht sofort abhebt.


Als es dunkel wird, gehe ich auf den hinteren PLatz, von dort kann man die Edelstein besetzte Spitze der Pagode funkeln sehen. Mein Student kommt mir entgegen, mit ihm ein buddhistischer Moench. Wir gehen hinunter in eine Teestube zum Reden und dann moechte der Moench mein Geburtsdatum wissen. Er kalkuliert mit den Zahlen und und dann sagt er: Ich bin eine geborene Chefin, meine Geschwister, Freunde und Kollegen hoeren auf mich, ich bin ruhig, denke logisch, ueberlege sehr sorgfaeltig und brauche deshalb laenger als andere, um eine Entscheidung zu treffen. In der Ehe habe ich kein Glueck, aber ab 52 wirds besser. Am besten passt ein Mann zu mir, der an einem Donnerstag geboren ist, am zweitbesten Dienstag, am schlechtesten Freitag. Mit meinen Eltern habe ich mich nicht gut verstanden bis ich 19 war. Verkauf oder Handel ist der beste Job fuer mich, besonders mit Gold, heller KLeidung und Elektrik. Ich wiederhole: Gold, Kleidung oder Elektrik. Nein, sagt er, Gold, heller Kleidung und Elektrik. Es ist besser, wenn ich an einem Ort lebe, der weit weg ist von meinem Geburtsort oder Land und einen Mann heirate, der von weit weg ist. Die letzten vier Monate des Jahre muss ich auf meine Gesundheit aufpassen, besonders auf den Kopf und das Hirn, es gibt Blut im Kopf, ein Unfall. "Was kann ich tun?", frage ich. "Ganz einfach", sagt er. Bestimmte Blueten und Blaetter unter den Kopfpolster legen und wir gehen nochmals in die Pagode, wo ich die Blumen kaufe und der Moench die Blaetter von einem Baum im Garten holt.


Vom Inlesee fuehrt ein Seitenarm durch den Ort Ngwe Shwang, die Boote tuckern wie frueher die TRaktoren. In dem Kanal haben bis zu 5 Boote nebeneinander PLatz, links und rechts wird ein- und ausgeladen, gehandelt, getratscht und dazwischen fuer ankommende oder durchfahrende Boote PLatz gemacht. An der Strasse daneben wird gerade ein Haus gebaut. Die Grundpfeiler aus Holz, der Fussboden etwa einen halben Meter ueber dem Boden, die Waende aus einem Bambusgeflecht und das Dach aus Stroh. Zehn Handwerker mit ihren Helfern haemmern und saegen, zwischen zwoelf und ein Uhr ist Mittagspause. Die Frauen tragen weisse Paste im Gesicht. Es ist das zu Pulver vermahlene Holz des Thanakhabaumes, schuetzt gegen Sonne und kuehlt die Haut. Nachmittags gehen junge Nonnen von einem Haus zum anderen und bekommen jedes Mal einen Loeffel REis in ihre Schuessel. Wenn es Strom gibt, plaerrt irgendwo ein RAdio oder alle sitzen vor einem Fernseher. Am See stehen die Maenner auf den schmalen langen Booten, rudern mit einem Bein und werfen ihre Netze aus. Zwischen See und Land schwimmen Gaerten, wo Paradeiser, Kraut und Erdaepfel wachsen. Die Haeuser stehen auf Stelzen, Wasserbueffel grasen zum Festland hin und am Abend werden sie gebadet. Wenn es finster ist, zuenden die Leute Kerzen an und alle paar Ecken sitzen Burschen zusammen, einer spielt Gitarre und sie singen die heimische Hitparade rauf und runter.




Ich gehe in den Ort und bestelle in einem Kaffeehaus schwarzen Kaffee, er kommt mit Zitrone. Schmeckt erfrischend. Am Abend treffe ich die Leute wieder, die ich bei der Bootsfahrt kennengelernt habe. Rachel und Enzo aus Italien, die in Caterbury eine Baeckerei haben, sind schon fertig. "Belgien duscht nocht", sagen sie. Mit Jurie und Gret aus Belgien gehen wir dann essen und am naechsten Tag gehts weiter nach Mandalei. Warum der Name dieses Ortes so einen magischen KLang hat, kann ich nicht feststellen. Etwas ausserhalb auf dem Huegel Sagain wieder viele Pagoden voller Gold und am Ufer des Irrawadyflusses eine Huette neben der anderen. "Wenn Regenzeit ist und der Wasserpegel ansteigt, werden die Huetten weggeschwemmt und die Menschen uebersiedeln auf die hoeher gelegene Strasse", sagt mein Fahrer. "Die Pagoden auf den Huegeln sind fuer die Moenche und Nonnen da."